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Skizzen, Zeichnungen und andere illustre Sachen

Impressionen

Zeit zu haben, Land, Leute und die nähere Umgebung zu beobachten, einfach hinsehen, bringt Ideen und Motive hervor. Die Cala Santandria im gleichnamigen Stadtteil im Süden Ciutadellas, Menorca,  bietet mir seit ein paar Jahren Stoff zum Zeichnen. Mögen viele Besucher dieses Strandes den Flecken unspektakulär finden, steckt dieser für mich doch voll mit Motiven, wie die Menorcanischen Skizzenbücher zeigen.

Daran anschließend entstanden in gleicher Manier Skizzenbücher 2017-2018 aus der Umgebung, von der Schwäbischen Alb, aus den Alpen, aus Italien und Frankreich, mal detailreicher, mal frech hingepinselt.

Die Skizze

Skizzen sind im Grunde immer halbfertig, schnell hingeworfen, skizziert eben, ein möglicher Bauplan für etwas anderes. Skizzen bringen eine Frische und Lebendigkeit mit, die dem in Stunden oder Tagen gezeichneten Bild schnell verloren gehen kann. Der Esprit ist weg, das Spontane, das Zufällige übermalt, korrigiert, verbessert. Eine Skizze kann vieles offen und unbeantwortet lassen, kann mit vagen Andeutungen leben. Unterwegs zu zeichnen muss schnell gehen, sonst kommt man nicht vorwärts. Für größere Projekte ist ein stationärer Aufenthalt erforderlich, um die Örtlichkeit und das Motiv gründlich zu betrachten, die Lichtverhältnisse auszukundschaften. Dann reichen keine schnellen Skizzen, dann sind Studien notwendig. Dann muss Systematik her, Gitterraster, um die Proportionen, die Maßverhältnisse zu sondieren, zur Erinnerung ein paar Fotos, um nichts zu vergessen oder später, anderen Orts, Hilfserinnerungen zu schaffen. Manchmal ist das Foto selbst die Grundlage und nun müssen Schraffuren gefunden werden, mit denen die Zeichnung am Ende Tiefe und Umfang bekommt.

Die ersten Jahre zeichnete ich mit Bleistift; die Zeichnungen verwischten in meinen Bücher, ans Fixieren dachte ich nicht. Schon Mitte/Ende der 1980er Jahre - "Skizzenbuch 2 (Cortona, 1989)"  und folgende - war ich auf Tuschestifte und schließlich Tintenfüller umgestiegen, habe daher meist ein separates Buch für die Tintenzeichnungen und ein zweites zum Illustrieren mit Aquarellfarben benutzt. Manchmal war es einfach schlechtes Papier oder für das Zeichenmaterial ungeeignet. Mit "Skizzenbuch 15 (Llanca, 2000)" und "Tierisches 1998-2003" war der Bleistiftumriss oder das Hineinzeichnen mit Bleistift noch Gang und Gäbe. 

Heute laufen mehrere Bücher parallel. Tusche oder Tinte sind ziemlich kompromisslos, müssen gut über das Papier gleiten, einmal gesetzt ist keine Korrektur mehr möglich. Schnell ist eine Ecke zu dunkel mit vielen Schraffuren. Die Disziplin ist hart und so entsteht eine eigene Sprache, ein selbständiger Ausdruck. Für eine aquarellierte Zeichnung genügen mir angedeutete Umrisse, der Rest ist Farbe. Meist verwischt die Tintenspur mit der Farbe oder verschwindet ganz. Durch Warm-Kalt-Kontraste oder Hell-Dunkel-Wirkungen lebt die farbige Zeichnung, die hier und da hervortretende Tintenlinie bildet eine Form.

Stenogramme des eigenen Umfeldes

Mittlerweile konzentriere ich mich auf die Umgebung meines Wohnortes Müllheim/Baden. Unterwegs, ob bei meinen Bergtouren in den Alpen oder Wanderungen im Schwarzwald, im Urlaub und bei kleinen Reisen, das Skizzenbuch und der Füller sind in Griffweite.

Vor zwei Jahren begann ich meine Buchbestände zu ordnen. Besonders anregend waren die Bücher, die hier als „Menorquinische Skizzenbücher“ Eingang gefunden haben und 2019 mit einer weiteren Ausbeute von mehreren Dutzend, teils farbigen Zeichnungen von der Insel, fortgeführt wurden.

Seit Jahren taste ich mich langsam an die Reben, Bäume, Hecken rund um Müllheim, an den Luginsland, den Wiiwegli von Staufen nach Müllheim, heran. Vor allem die Streuobstwiesen meiner näheren Umgebung haben mir es angetan und fanden Eingang in meine Skizzenbücher 2017-2018 und Skizzenbücher 2019.

Besonders interessant sind dann die auf Grundlage von überzeichneten Fotos entstandenen digitalen Zeichnungen, die ihrerseits meinen analogen Skizzenstil beeinflussten und künftig noch viel Raum für andere Darstellungen öffnen.

Mit den Jahren sind die Skizzen stenografischer geworden. So gibt es Kürzel für Buchen, Tannen, Erlen oder Pappeln, für Reben, Geländeverläufe, Furchen, Ackergrenzen, für Meer, Wolken, Häuser und Dächer.

Über das Sehen und das Zeichnen

"Ganz schön - aber ein Blödsinn ist's ja schließlich doch!" - "Nein, diese Arbeit! Warum knipst der denn nicht? Das geht doch viel schneller und besser."

Wenn ich beim Zeichnen "erwischt" werde, höre ich gelegentlich Kommentare, die - auf knappeste Formeln gebracht - das ausdrücken, was viele Zeitgenossen über das Zeichnen denken. Wieso plagt sich da einer, wo wir doch heute mit dem Handy alles knipsen, was es zu knipsen gibt. Warum also zeichne ich noch?

Zeichnen und Zeichen erfinden ist so alt wie die Menschheit. Jedes Kind beginnt mit einem Kreis und mit ein paar Strichen für die Sonnenstrahlen und hat damit seine eigene Sonne dargestellt. Dann kommt irgendwann die Schrift dazu. Der Mensch denkt und träumt in Bildern. Wir können uns eine Welt ohne Bilder nicht vorstellen. Wir wissen zwar, dass sich der Kreis der selbstschöpferischen Tätigkeiten ständig verengt, Lebensgewohnheiten, Wünsche und Gedanken sich zunehmend angleichen und jede Möglichkeit, sich einen Fußbreit eine eigene Welt abzustecken, wertvoller wird. So wie wir Grund und Boden als Lebensgrundlage benötigen, besteht eine geistige Notwendigkeit zur schöpferischen Betätigung.

Zeichnen setzt Sehen voraus. Was ich zeichnen will, muss ich mir ziemlich gut ansehen. Was glaubt man, was da für Entdeckungen zu machen sind! Ärmer, das kann ich versprechen, wird dabei niemand.

Bei dem Vorhaben, ein gesehenes Motiv darzustellen, spielt der Standort, die Beleuchtung, der Ausschnitt (des späteren Bildes) usw. eine Rolle. Das ist für den Fotografen nicht anders. Dennoch sind die Zielsetzungen und Methoden der beiden Herangehensweisen verschieden. Beim Zeichnen spielt das "Wie" eine entscheidende Rolle: vielfältige Zeichenmaterialien, flüchtige Striche oder durchgearbeitetes Blatt. Das hängt vom Willen, der Wahl und der Entscheidung des Zeichners ab. Vom Motiv (= Beweggrund) her empfängt der Zeichner seine Anregungen und Aufforderungen unmittelbar - ohne Zwischenschaltung eines mechanischen Apparates. Auf diese Weise wird der ganze innere Mensch an diesem Vorgang beteiligt und bringt einen Teil seines Wesens ein.

Fotografen haben ebenfalls eine Handschrift, in dem sie die ihnen zur Verfügung stehenden technischen Stilmittel einsetzen und für den Transformationsvorgang einen Apparat nutzen. Diesselben Stilmittel kann allerdings auch jemand anders benutzten. Dies ist beim Zeichnen schon viel schwieriger, weil die Übertragung der inneren Ansichten unmittelbarer auf das Zeichenmaterial übermittelt wird.

"Zeichnen nach der Natur". Wenn ich mit meinen "Stenogrammen" ein Bild zusammensetze, erlebe ich Kommentare wie "das oder jenes fehlt", "sieht dem ähnlich " oder "sieht dem gar nicht ähnlich". usw. Zeichnen in, mit oder nach der Natur heißt in jedem Fall, die Formen, Farben und Gestaltungen auswählen, ordnen und in ein Bild bringen. Ob das "aus dem Kopf" kommt oder im Angesicht einer Landschaft passiert, macht grundsätzlich keinen Unterschied, denn in jedem Fall braucht es ein Vorstellungsvermögen davon, wie die Aneignung der sichtbaren Welt geschehen soll. Das "Zeichnen nach der Natur" ist einer uralten Wege dieser schöpferischen Zwiesprache.