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Holzschnitte 1989-1994

Holzschnitte haben mich schon früher stark interessiert und der einfache Holzschnitt war nach Radierung und Lithografie das Medium zur weiteren Entfaltung. Das Thema "Mann + Frau" ergab sich aus zwei anderen Momenten, einem privaten und einem theoretischen. Irgendwann in den 1970er Jahren hatte ich Wilhelm Hausenstein "Die Darstellung des nackten Menschen ..." von 1910 gelesen und  diese Lektüre zur Grundlage meiner theoretischen Diplomarbeit gemacht.

Die Frage, die Hausenstein formulierte, war, wieso wurde der Mensch seit den frühen Kulturen (ca. 3000 v. Chr.) bis heute so unterschiedlich gesehen, abgebildet oder dargestellt, obwohl die Anatomie des Menschen sich in den letzten 10.000 Jahren nicht verändert hatte. Die Frage nach den beeinflussenden Faktoren, die auf die Wahrnehmung und bildliche (sicherlich auch auf die musikalische oder - ab dem 20. Jahrhundert - filmische …) Darstellung wirkten, waren der Hauptgegenstand seiner Betrachtungen. Welche Rolle spielten also Kultur, Religion, Philosophie, Wirtschaft und Politik in diesem Zusammenhang auf die Sicht des Menschen auf sich selbst.

Voraussetzung für eine solche Betrachtung war ein durchgehend genutztes Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht und dies war dann eben die Darstellung von Mann und Frau. Zum Selbstbild des Menschen gehört das Thema Nacktheit und auch dies unterlag den gleichen Wirkfaktoren.

Bevor ich mein Diplomthema einreichte, hatte ich die Hausenstein’schen Quellen ebenfalls gelesen, wobei Hausenstein seine Betrachtungen mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert abschloss. In seinen späteren Arbeiten finden sich vereinzelt Hinweise auf einen Bezug zu seinem Hauptwerk.

Das Quellenstudium war jedenfalls eine Entdeckungsreise der besonderen Art. Per Fernausleihe von Bibliotheken aus München oder Berlin, wochenlang im Lesesaal des Hessischen Landesbibliothek sitzend, grub ich mich durch die gedankliche Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Da meine Diplomarbeit allerdings einen dritten Teil enthalten sollte, wie könnte die Ausgangsfrage im 20. Jahrhundert beantwortet werden, war ich gezwungen, alle möglichen Autoren, Kunsthistoriker, Wirtschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts usw. zu lesen. Noch Jahre später, nach Diplom und Einstieg ins Berufsleben, habe ich zu der Fragestellung Texte gelesen.

Eine Umsetzung des gleichnamigen Themas in den Holzschnitt ergab sich fast von selbst. Beide Momente entfalteten eine gewaltige Dynamik. Es entstanden in Folge mehr als 80 teils mehrfarbig gedruckte Holzschnitte im Format 100 x 70 cm. Nebenher entstanden 2-farbige Serien über die Rebenlandschaften um Alzey in Rheinland-Pfalz, Buchillustrationen, Landschaften aus dem Rheingau oder andere Motive.

Der Erwerb einer „Karlsruher Radierpresse“, umgerüstet für den Hochdruck, rationalisierte die Vervielfältigung der Holzdruckplatten. Die Druckplatten waren meistens mit Birke oder Buche beschichtete 7 mm Sperrholzplatten, gerne auch mal eine Schrankrückwand oder ein ebenes breites Brett.

Diese Form des Holzschnitts folgte den expressiven Holzschnitten des deutschen Expressionismus, einer ganz eigenständigen und in dieser Form nirgendwo anders auftretenden Kunstrichtung. Mir ist die zeitliche Diskrepanz durchaus bewußt gewesen und mir war ebenso klar, dass diese Form des Holzschnitts nicht von jedem Betrachter geschätzt wurde. Für viele war die Direktheit, die Wucht, zu stark, denn letzten Endes hängt an der Darstellung und ihren Gegebenheiten genauso ein komplexer Bedeutungszusammenhang wie an jedem beliebigen Thema.

Vorbereitende Skizzen für Holzschnitte